Wenn Sie diesen Ratgeber lesen, steckt Ihre Beziehung vermutlich gerade in einer schwierigen Phase — oder Sie spüren, dass sich etwas verändern muss, bevor sie dort landet. Vielleicht drehen sich Ihre Streits immer im Kreis. Vielleicht ist es auch das Gegenteil: Es wird gar nicht mehr gestritten, sondern nur noch geschwiegen. Beides sind gute Gründe, sich mit Paartherapie zu beschäftigen — und keiner davon bedeutet, dass Ihre Beziehung gescheitert ist.
Das Gegenteil ist der Fall: Wer sich Unterstützung holt, gibt nicht auf, sondern nimmt die Beziehung ernst. Die Forschung zeigt, dass Paartherapie bei der Mehrheit der Paare messbar wirkt — etwa 70 Prozent profitieren deutlich davon [1]. Gleichzeitig warten Paare im Schnitt sehr lange, oft mehrere Jahre, bis sie sich Hilfe holen — und verlieren damit wertvolle Zeit, in der sich negative Muster verfestigen [2].
In diesem Ratgeber erfahren Sie, was Paartherapie genau ist, wie eine Sitzung und der gesamte Prozess ablaufen, welche Methoden es gibt, was die Studienlage über die Wirksamkeit sagt — und woran Sie erkennen, ob Paartherapie für Ihre Situation der richtige Schritt ist.
Was ist Paartherapie? Eine Definition
Paartherapie ist eine professionell begleitete Arbeit an der Paarbeziehung. Anders als in einer Einzeltherapie ist der „Klient” nicht eine Person, sondern die Beziehung selbst: ihre Kommunikationsmuster, ihre wiederkehrenden Konfliktdynamiken, ihre emotionale Verbindung.
Konkret bedeutet das: Ein Paartherapeut oder eine Paartherapeutin
- hilft beiden Partnern, die Muster hinter den immer gleichen Streits zu erkennen,
- schafft einen geschützten Rahmen, in dem auch schwierige Themen besprechbar werden,
- vermittelt konkrete Kommunikations- und Konfliktwerkzeuge,
- und unterstützt das Paar dabei, emotionale Nähe und Vertrauen wieder aufzubauen.
Wichtig zu wissen: Paartherapie ist ergebnisoffen. Ein seriöser Therapeut verfolgt nicht das Ziel, die Beziehung „um jeden Preis zu retten” — sondern beiden Partnern zu mehr Klarheit zu verhelfen. In den allermeisten Fällen ist das erklärte Ziel der Paare aber, die Beziehung zu verbessern, und genau dabei ist die Erfolgsquote gut (mehr dazu im Abschnitt zur Wirksamkeit).
Paartherapie, Paarberatung, Eheberatung — was ist der Unterschied?
Die Begriffe werden im Alltag oft synonym verwendet, unterscheiden sich aber in Tiefe, Dauer und Setting: Eine Paarberatung ist meist kürzer und stärker auf ein konkretes, aktuelles Problem fokussiert, während eine Paartherapie tiefer an wiederkehrenden Mustern und deren Hintergründen arbeitet. Für die Entscheidung, welches Format zu Ihrer Situation passt, haben wir einen eigenen ausführlichen Vergleich geschrieben: Paarberatung vs. Paartherapie: Der Unterschied einfach erklärt.
Ein wichtiger Hinweis zum Berufstitel
In Deutschland ist die Bezeichnung „Paartherapeut” nicht gesetzlich geschützt — anders als etwa „Psychotherapeut”, der eine staatlich geregelte Ausbildung und Approbation voraussetzt. Das heißt: Grundsätzlich darf sich jeder „Paartherapeut” nennen. Für Sie als Paar bedeutet das, dass Sie bei der Auswahl auf die tatsächliche Qualifikation achten sollten — dazu weiter unten ein eigener Abschnitt.
Wann ist Paartherapie sinnvoll? 8 typische Anzeichen
Es gibt keinen „offiziellen” Schwellenwert, ab dem eine Paartherapie angezeigt ist. Aber es gibt Warnsignale, die in der Paarforschung immer wieder als Prädiktoren für eine ernsthafte Krise identifiziert wurden. Der amerikanische Paarforscher John Gottman konnte in Langzeitstudien zeigen, dass sich aus der Art, wie Paare miteinander streiten, mit hoher Treffsicherheit vorhersagen lässt, ob eine Beziehung langfristig hält [3].
Paartherapie ist typischerweise dann sinnvoll, wenn mehrere dieser Punkte auf Sie zutreffen:
- Die gleichen Streits wiederholen sich — es geht scheinbar um den Abwasch oder die Schwiegereltern, aber eigentlich immer um dasselbe darunterliegende Thema.
- Kritik ist zu Verachtung geworden. Augenrollen, Sarkasmus, Abwertung — in Gottmans Forschung das stärkste einzelne Warnsignal für eine Trennung [3].
- Einer (oder beide) macht dicht. Gespräche enden im Rückzug oder Mauern; wichtige Themen werden gar nicht mehr angesprochen.
- Die emotionale und/oder körperliche Nähe ist eingeschlafen — Sie leben eher wie Mitbewohner als wie ein Paar.
- Vertrauen ist beschädigt — durch Enttäuschungen, gebrochene Absprachen oder Geheimnisse.
- Ein einschneidendes Ereignis (Geburt eines Kindes, Jobverlust, Umzug, Pflegesituation) hat die Balance der Beziehung verschoben.
- Trennungsgedanken stehen im Raum — bei einem oder beiden Partnern, ausgesprochen oder unausgesprochen.
- Sie möchten es alleine lösen, kommen aber seit Monaten nicht weiter.
Ein Punkt verdient besondere Betonung: Je früher, desto besser. Eine vielzitierte Untersuchung von Notarius und Buongiorno kam zu dem Ergebnis, dass unglückliche Paare im Durchschnitt etwa sechs Jahre warten, bevor sie sich professionelle Hilfe suchen [2]. Sechs Jahre, in denen sich Verletzungen ansammeln und Muster verhärten. Paartherapie ist kein letzter Ausweg für hoffnungslose Fälle — sie wirkt am besten, solange noch Substanz da ist.
Übrigens: Sie müssen nicht „in der Krise” sein, um von Paartherapie zu profitieren. Viele Paare nutzen sie präventiv — etwa vor der Hochzeit, vor der Familiengründung oder in Übergangsphasen.
Wie läuft eine Paartherapie ab? Die 4 Phasen
Die größte Hürde vor der ersten Sitzung ist oft die Ungewissheit: Was passiert da eigentlich? Muss ich mich rechtfertigen? Wird der Therapeut Partei ergreifen? Deshalb hier der typische Ablauf — er variiert je nach Methode und Therapeut im Detail, folgt aber fast immer dieser Grundstruktur.
Phase 1: Das Erstgespräch — Kennenlernen und Auftragsklärung
Die erste Sitzung dient dem gegenseitigen Kennenlernen. Der Therapeut verschafft sich ein Bild von Ihrer Situation: Was führt Sie her? Wie lange gibt es die Probleme schon? Was haben Sie bereits versucht? Und — ganz wichtig — was wollen Sie erreichen?
Typische Elemente des Erstgesprächs:
- Beide Partner schildern ihre Sicht (der Therapeut achtet auf ausgewogene Redeanteile),
- Klärung der Rahmenbedingungen: Frequenz, Dauer, Kosten, Vertraulichkeit,
- erste Einschätzung des Therapeuten, ob und wie er Ihnen helfen kann.
Das Erstgespräch ist auch Ihr Prüftermin: Fühlen sich beide Partner verstanden und fair behandelt? Die Forschung zur Psychotherapie zeigt durchgängig, dass die Qualität der Arbeitsbeziehung zwischen Klienten und Therapeut ein zentraler Wirkfaktor ist [1]. Wenn die Chemie nach zwei, drei Sitzungen nicht stimmt, ist ein Therapeutenwechsel kein Scheitern, sondern Qualitätssicherung.
Phase 2: Verstehen — die Muster hinter dem Streit
In den folgenden Sitzungen geht es darum, die Dynamik Ihrer Konflikte zu verstehen. Die meisten Paare streiten nicht über das, worüber sie zu streiten glauben. Hinter „Du räumst nie die Spülmaschine aus” steht häufig „Ich fühle mich mit allem alleingelassen” — und dahinter wiederum ein Bedürfnis nach Wertschätzung oder Verlässlichkeit.
Je nach Methode arbeitet der Therapeut hier unterschiedlich: Manche analysieren konkrete Streitsituationen der letzten Woche, andere schauen auf Ihre Beziehungsgeschichte oder auf Prägungen aus der Herkunftsfamilie. Gemeinsam ist allen Ansätzen: Aus „Du bist das Problem” wird schrittweise „Das Muster ist das Problem — und wir beide halten es gemeinsam am Laufen.”
Phase 3: Verändern — neue Erfahrungen statt alter Reflexe
Verstehen allein verändert noch keine Beziehung. Der Kern der Arbeitsphase besteht darin, im geschützten Rahmen neue Erfahrungen miteinander zu machen: anders zuzuhören, Verletzlichkeit zu zeigen statt anzugreifen, Bedürfnisse auszusprechen statt Vorwürfe zu machen.
Dazu gehören je nach Ansatz:
- Strukturierte Paargespräche in der Sitzung, bei denen der Therapeut moderiert und eingreift, bevor alte Eskalationsmuster übernehmen,
- konkrete Kommunikationsübungen (z. B. Sprecher-Zuhörer-Techniken),
- Übungen für zu Hause — von festen Paarzeiten bis zu kleinen Verhaltensexperimenten,
- Arbeit an emotionaler Nähe und Bindung, nicht nur an Konflikttechnik.
Diese Phase ist der längste Teil der Therapie. Rechnen Sie damit, dass es zwischendurch auch anstrengend wird — es ist normal, dass Themen an die Oberfläche kommen, die lange unter dem Teppich lagen. Ein guter Therapeut sorgt dafür, dass das dosiert und sicher geschieht.
Phase 4: Abschluss — Stabilisieren und Verabschieden
Gegen Ende werden die Sitzungsabstände meist größer. Sie prüfen gemeinsam mit dem Therapeuten: Was hat sich verändert? Welche Werkzeuge funktionieren für uns? Was ist unser Plan für die nächste Krise — denn Krisen wird es weiterhin geben, nur der Umgang damit ist jetzt ein anderer. Manche Paare vereinbaren „Auffrischungstermine” nach einigen Monaten.
Dauer und Frequenz: Womit sollten Sie rechnen?
| Rahmen | Typische Praxis |
|---|---|
| Sitzungsdauer | 60–120 Minuten (Paarsitzungen sind oft länger als Einzelsitzungen) |
| Frequenz | alle 1–3 Wochen |
| Gesamtdauer | sehr unterschiedlich: von ca. 5–10 Sitzungen bei fokussierten Anliegen bis zu 20+ Sitzungen bei tiefgreifenden Krisen |
Seriöse Therapeuten legen mit Ihnen zu Beginn einen Rahmen fest und überprüfen regelmäßig, ob die Therapie noch auf das vereinbarte Ziel einzahlt.
Die wichtigsten Methoden der Paartherapie im Überblick
„Die eine” Paartherapie gibt es nicht — hinter dem Begriff stehen verschiedene wissenschaftlich untersuchte Schulen. Die gute Nachricht: Sie müssen sich nicht perfekt auskennen, um zu starten. Aber ein Grundverständnis hilft bei der Therapeutenwahl.
Emotionsfokussierte Paartherapie (EFT)
Die von Sue Johnson und Les Greenberg entwickelte EFT gilt als eine der am besten untersuchten Methoden. Sie basiert auf der Bindungstheorie: Hinter destruktiven Streitmustern stehen demnach verletzte Bindungsbedürfnisse — die Angst, dem Partner nicht mehr wichtig zu sein. EFT arbeitet daran, den negativen Kreislauf (z. B. „einer fordert, einer zieht sich zurück”) zu erkennen und durch neue, emotional sichere Interaktionen zu ersetzen. Eine Meta-Analyse ergab, dass rund 70–73 % der Paare sich durch EFT von ihrer Beziehungskrise erholten und etwa 90 % sich signifikant verbesserten [4].
Die Gottman-Methode
John und Julie Gottman haben aus jahrzehntelanger Beobachtungsforschung mit tausenden Paaren ein strukturiertes Therapiemodell entwickelt („Sound Relationship House”). Charakteristisch: eine ausführliche Eingangsdiagnostik und sehr konkrete Werkzeuge — etwa der sanfte Gesprächseinstieg statt Vorwurf, Reparaturversuche im Streit und der bewusste Aufbau von Wertschätzung im Alltag. Grundlage sind u. a. die Langzeitstudien, mit denen Gottman und Levenson Trennungsverläufe über 14 Jahre vorhersagen konnten [3].
Systemische Paartherapie
Der in Deutschland weit verbreitete systemische Ansatz betrachtet die Beziehung als System, in dem jedes Verhalten eine Funktion hat: Ein „Problemverhalten” des einen ist oft eine Antwort auf ein Muster, an dem beide beteiligt sind. Typische Werkzeuge sind zirkuläre Fragen („Was glauben Sie, wie Ihre Partnerin diese Situation erlebt?“), Perspektivwechsel und Reframing. Die Systemische Therapie ist in Deutschland als Psychotherapieverfahren wissenschaftlich anerkannt (Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie, 2008).
Verhaltenstherapeutisch orientierte Paartherapie
Klassische verhaltenstherapeutische Ansätze (und ihre Weiterentwicklung, die Integrative Behaviorale Paartherapie, IBCT) setzen an konkretem Verhalten an: Kommunikationstraining, Problemlösetraining, Aufbau positiver gemeinsamer Aktivitäten — ergänzt um Akzeptanzarbeit für die Unterschiede, die sich nicht wegtrainieren lassen. Für die verhaltenstherapeutische Paartherapie liegt mit die stärkste Wirksamkeitsevidenz vor [5].
Welche Methode ist die richtige? Die ehrliche Antwort: Die Passung zwischen Ihnen und dem Therapeuten ist wichtiger als die Schule. Alle genannten Ansätze haben Wirksamkeitsbelege; entscheidend ist, dass Sie sich beide sicher und fair behandelt fühlen.
Wirkt Paartherapie? Was die Forschung sagt
Die kurze Antwort: Ja, für die Mehrheit der Paare — messbar und nachhaltig. Die etwas längere Antwort lohnt sich, weil sie auch die Grenzen ehrlich benennt.
- Die umfassende Forschungsübersicht von Lebow und Kollegen kommt zu dem Ergebnis, dass etwa 70 % der Paare in Paartherapie von der Behandlung profitieren — die Therapie wirkt damit ähnlich gut wie etablierte Einzelpsychotherapien [1].
- Eine Meta-Analyse randomisierter Studien zur verhaltenstherapeutischen Paartherapie ermittelte eine mittlere Effektstärke (d ≈ 0,59) gegenüber unbehandelten Kontrollgruppen [5].
- Für die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) zeigen Meta-Analysen Erholungsraten von rund 70–73 % [4].
- Auch unter Alltagsbedingungen — also nicht nur in kontrollierten Studien, sondern in realen Praxen und Beratungsstellen — bestätigen Untersuchungen deutliche Verbesserungen der Beziehungsqualität; das gilt auch für Studien aus Deutschland [6] [7].
Ehrlichkeit gehört dazu: die Grenzen
- Paartherapie ist keine Garantie. Ein Teil der Paare profitiert nicht oder trennt sich dennoch — was in manchen Fällen auch ein geklärtes, faires Ende bedeuten kann und von den Betroffenen rückblickend als hilfreich bewertet wird.
- Beide müssen zumindest bereit sein, sich einzulassen. Die Motivation darf unterschiedlich groß sein (das ist sie fast immer) — aber gegen den erklärten Widerstand eines Partners kann keine Therapie arbeiten.
- Rückfälle sind normal. Ein Teil der Verbesserungen verblasst ohne Pflege wieder. Gute Therapien bauen deshalb Rückfallprophylaxe ein.
Für die Einordnung wichtig: Diese Erfolgsquoten beziehen sich auf Paare, die den Schritt tatsächlich gegangen sind. Das größte Risiko ist statistisch gesehen nicht die „falsche” Therapie — sondern die Jahre des Wartens davor [2].
Die richtige Paartherapeutin finden: Worauf Sie achten sollten
Weil „Paartherapeut” kein geschützter Titel ist, lohnt ein prüfender Blick. Diese Kriterien helfen:
- Fundierte Ausbildung: z. B. approbierte Psychotherapeuten mit paartherapeutischer Weiterbildung, Psychologen, oder Berater mit anerkannter mehrjähriger Weiterbildung (etwa in systemischer Therapie/Beratung oder EFT mit zertifizierter Ausbildung).
- Erfahrung spezifisch mit Paaren: Paararbeit ist ein eigenes Handwerk — fragen Sie ruhig direkt, wie viel des Praxisalltags aus Paaren besteht.
- Transparenz: Klare Auskunft zu Methode, Kosten, erwartbarer Dauer schon im Erstkontakt.
- Allparteilichkeit: Ein professioneller Paartherapeut ergreift nicht Partei, sondern ist „Anwalt der Beziehung”. Wenn sich einer von Ihnen dauerhaft vorgeführt fühlt, sprechen Sie es an — oder wechseln Sie.
- Kein Druck, keine Heilsversprechen: Seriöse Anbieter versprechen keine Rettungsquoten.
Wo Sie suchen können: über die Therapeutensuche der Psychotherapeutenkammern, Verzeichnisse der Fachverbände (z. B. Systemische Gesellschaft, DGSF, EFT-Verzeichnisse), kommunale und kirchliche Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen (z. B. pro familia, Caritas, Diakonie) — oder über Online-Angebote (dazu gleich mehr).
Was Sie über die Kosten wissen sollten
Nur so viel an dieser Stelle: Paartherapie ist in Deutschland in aller Regel eine Selbstzahlerleistung — die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen sie nicht, da eine Beziehungskrise keine Krankheitsdiagnose ist. Übliche Honorare liegen je nach Region und Qualifikation grob zwischen 80 und 180 Euro pro Sitzung. Eine kostengünstige Alternative sind die erwähnten Beratungsstellen, die oft einkommensabhängige Gebühren oder Beiträge auf Spendenbasis anbieten; für Familien mit Kindern besteht nach § 17 SGB VIII sogar ein gesetzlicher Anspruch auf Beratung in Partnerschaftsfragen über die Jugendhilfe.
Online-Paartherapie: Für wen sie sich eignet
Paartherapie muss heute nicht mehr zwingend in einer Praxis stattfinden. Es gibt zwei Online-Formate:
- Videositzungen mit einem Therapeuten — inhaltlich weitgehend identisch mit Präsenztherapie, nur ortsunabhängig.
- Strukturierte Online-Programme, die Paare eigenständig (teils mit Begleitung) durcharbeiten.
Beide Wege sind wissenschaftlich untersucht: Eine randomisierte kontrollierte Studie zum webbasierten Paarprogramm „OurRelationship” zeigte signifikante Verbesserungen der Beziehungszufriedenheit — mit Effekten in ähnlicher Größenordnung wie bei Präsenz-Paartherapie [8].
Online-Formate eignen sich besonders, wenn Sie auf dem Land wohnen, Kinderbetreuung die Terminfindung erschwert, die Hemmschwelle für eine Praxis (noch) zu hoch ist — oder Sie erst einmal niedrigschwellig starten möchten. Ein wissenschaftlich fundiertes deutschsprachiges Online-Programm ist etwa PaarBalance, das von der Paarpsychologin Dr. Judith Gastner entwickelt wurde. Grenzen haben Selbstlern-Programme dort, wo Konflikte stark eskalieren — dann ist die persönliche therapeutische Begleitung der sicherere Rahmen.
„Aber…” — die häufigsten Einwände, ehrlich beantwortet
„Der Therapeut wird sich auf eine Seite schlagen.” Allparteilichkeit ist Kernhandwerk der Paartherapie. Es wird Sitzungen geben, in denen einer von Ihnen mehr „dran” ist — über den Verlauf gleicht sich das aus. Wenn nicht: ansprechen.
„Reden bringt doch nichts, wir reden ja ständig.” Sie reden — aber vermutlich in denselben Schleifen, mit denselben Reflexen. Therapie ist kein „mehr Reden”, sondern anders reden: mit Moderation, Struktur und Unterbrechung der Eskalationsmuster, bevor sie greifen.
„Mein Partner will nicht mitkommen.” Häufiger Fall, kein K.-o.-Kriterium. Optionen: ein unverbindliches Erstgespräch vorschlagen (eine Sitzung, danach entscheidet jeder neu), ein Online-Format als niedrigschwelligen Einstieg nutzen — oder zunächst allein eine Beratung beginnen. Auch wenn nur einer anfängt, verändert das oft schon die Dynamik zu zweit.
„Wenn wir Therapie brauchen, ist es doch eh vorbei.” Die Daten sagen das Gegenteil: Die meisten Paare kommen zu spät, nicht zu früh [2]. Paartherapie ist Beziehungspflege — so wie ein Warnleuchten im Auto kein Grund ist, das Auto abzuschreiben.
Was Sie heute schon tun können — noch vor der ersten Sitzung
Sie müssen nicht warten, bis ein Termin steht. Drei Dinge, die sich sofort lohnen:
- Bestandsaufnahme machen. Wo genau hakt es — Kommunikation, Nähe, Vertrauen, Alltagslast, Zukunftsbilder? Je klarer Ihr Bild, desto gezielter der Start in jede Beratung oder Therapie. Eine strukturierte Standortbestimmung bietet der kostenlose PaarBalance-Beziehungstest, der Ihre Beziehung in mehreren Lebensbereichen auswertet.
- Einen guten Moment für das Gespräch wählen. Wenn Sie Ihrem Partner Paartherapie vorschlagen möchten: nicht im Streit, sondern in einer ruhigen Minute — und als Einladung formuliert („Unsere Beziehung ist mir wichtig, ich möchte, dass es uns wieder besser geht”) statt als Diagnose („Wir brauchen Therapie, so wie du dich verhältst”).
- Kleine Muster-Unterbrechung üben. Ein einziger Anfang: Beim nächsten aufkommenden Streit bewusst mit einer Ich-Botschaft und einem konkreten Wunsch starten statt mit einem Vorwurf. Das ersetzt keine Therapie — aber es zeigt Ihnen beiden, dass Veränderung möglich ist.
Häufige Fragen zur Paartherapie (FAQ)
Was ist Paartherapie genau?
Paartherapie ist die professionell begleitete Arbeit an einer Paarbeziehung. Im Zentrum stehen nicht die einzelnen Partner, sondern ihre Beziehungsmuster: Kommunikation, Konfliktdynamik und emotionale Verbindung. Ziel ist, destruktive Muster zu erkennen und durch neue, konstruktive Erfahrungen zu ersetzen.
Wie läuft eine Paartherapie ab?
Typisch sind vier Phasen: Erstgespräch mit Zielklärung, Verstehen der Konfliktmuster, Veränderungsarbeit mit konkreten Übungen (in der Sitzung und zu Hause) und eine Abschlussphase mit größeren Sitzungsabständen. Sitzungen dauern meist 60–120 Minuten und finden alle ein bis drei Wochen statt.
Wie lange dauert eine Paartherapie?
Das hängt vom Anliegen ab: Fokussierte Themen lassen sich oft in 5–10 Sitzungen bearbeiten, tiefgreifende Krisen brauchen 15–20 Sitzungen oder mehr. Über die Frequenz von 1–3 Wochen ergibt sich meist ein Zeitraum von einigen Monaten bis etwa einem Jahr.
Wann ist eine Paartherapie sinnvoll?
Wenn sich Konflikte wiederholen, ohne dass Sie allein weiterkommen, wenn Verachtung, Rückzug oder Sprachlosigkeit zunehmen, Vertrauen beschädigt ist oder Trennungsgedanken im Raum stehen. Als Faustregel gilt: lieber zu früh als zu spät — Paare warten im Schnitt mehrere Jahre zu lange [2].
Hilft Paartherapie wirklich?
Ja, bei der Mehrheit der Paare: Rund 70 % profitieren nachweislich, für einzelne Methoden wie die Emotionsfokussierte Therapie zeigen Meta-Analysen Erholungsraten von 70–73 % [1] [4]. Eine Garantie gibt es nicht — Voraussetzung ist die Bereitschaft beider Partner, sich einzulassen.
Zahlt die Krankenkasse eine Paartherapie?
In der Regel nein: Paartherapie gilt nicht als Heilbehandlung und ist eine Selbstzahlerleistung. Kostengünstige Alternativen sind kommunale und kirchliche Beratungsstellen mit einkommensabhängigen Gebühren; Eltern haben über § 17 SGB VIII Anspruch auf Partnerschaftsberatung im Rahmen der Jugendhilfe.
Fazit: Der Schritt ist kleiner, als er sich anfühlt
Eine Paartherapie zu beginnen fühlt sich groß an — nach Eingeständnis, nach Risiko, nach „jetzt ist es offiziell”. In Wirklichkeit ist es vor allem eines: die Entscheidung, die eigene Beziehung nicht dem Autopiloten zu überlassen. Die Forschung ist an dieser Stelle unmissverständlich — die meisten Paare profitieren, und der teuerste Fehler ist nicht der falsche Therapeut, sondern das jahrelange Abwarten.
Wenn Sie unsicher sind, wo Ihre Beziehung steht: Beginnen Sie mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme, sprechen Sie mit Ihrem Partner in einem ruhigen Moment — und holen Sie sich Unterstützung, solange Sie beide noch etwas zu verteidigen haben.
Quellen
- Lebow, J. L., Chambers, A. L., Christensen, A., & Johnson, S. M. (2012). Research on the treatment of couple distress. Journal of Marital and Family Therapy, 38(1), 145–168.
- Notarius, C., & Buongiorno, J. (1992). Wait time until professional treatment in marital therapy. Unveröffentlichte Studie, Catholic University of America — vielzitiert u. a. durch das Gottman Institute (durchschnittlich ca. 6 Jahre Wartezeit).
- Gottman, J. M., & Levenson, R. W. (2000). The timing of divorce: Predicting when a couple will divorce over a 14-year period. Journal of Marriage and Family, 62(3), 737–745.
- Johnson, S. M., Hunsley, J., Greenberg, L., & Schindler, D. (1999). Emotionally focused couples therapy: Status and challenges. Clinical Psychology: Science and Practice, 6(1), 67–79.
- Shadish, W. R., & Baldwin, S. A. (2005). Effects of behavioral marital therapy: A meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 73(1), 6–14.
- Hahlweg, K., & Klann, N. (1997). The effectiveness of marital counseling in Germany: A contribution to health services research. Journal of Family Psychology, 11(4), 410–421.
- Roesler, C. (2020). Effectiveness of couple therapy in practice settings and identification of potential predictors for different outcomes. Journal of Marital and Family Therapy, 46(3), 510–529.
- Doss, B. D., Cicila, L. N., Georgia, E. J., Roddy, M. K., Nowlan, K. M., Benson, L. A., & Christensen, A. (2016). A randomized controlled trial of the web-based OurRelationship program: Effects on relationship and individual functioning. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 84(4), 285–296.
Dieser Artikel ersetzt keine professionelle Beratung oder Therapie.
Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, erreichen Sie die Telefonseelsorge kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.
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