Wenn Sie diesen Ratgeber lesen, steckt Ihre Beziehung vermutlich
gerade in einer schwierigen Phase — oder Sie spüren, dass sich etwas
verändern muss, bevor sie dort landet. Vielleicht drehen sich Ihre
Streits immer im Kreis. Vielleicht ist es auch das Gegenteil: Es wird
gar nicht mehr gestritten, sondern nur noch geschwiegen. Beides sind
gute Gründe, sich mit Paartherapie zu beschäftigen — und keiner davon
bedeutet, dass Ihre Beziehung gescheitert ist.
Das Gegenteil ist der Fall: Wer sich Unterstützung holt, gibt nicht
auf, sondern nimmt die Beziehung ernst. Die Forschung zeigt, dass
Paartherapie bei der Mehrheit der Paare messbar wirkt — etwa 70 Prozent
profitieren deutlich davon [1]. Gleichzeitig warten Paare im Schnitt
sehr lange, oft mehrere Jahre, bis sie sich Hilfe holen — und verlieren
damit wertvolle Zeit, in der sich negative Muster verfestigen [2].
In diesem Ratgeber erfahren Sie, was Paartherapie genau ist, wie eine
Sitzung und der gesamte Prozess ablaufen, welche Methoden es gibt, was
die Studienlage über die Wirksamkeit sagt — und woran Sie erkennen, ob
Paartherapie für Ihre Situation der richtige Schritt ist.
Was ist Paartherapie? Eine
Definition
Paartherapie ist eine professionell begleitete Arbeit an der
Paarbeziehung. Anders als in einer Einzeltherapie ist der „Klient” nicht
eine Person, sondern die Beziehung selbst: ihre
Kommunikationsmuster, ihre wiederkehrenden Konfliktdynamiken, ihre
emotionale Verbindung.
Konkret bedeutet das: Ein Paartherapeut oder eine Paartherapeutin
- hilft beiden Partnern, die Muster hinter den immer
gleichen Streits zu erkennen,
- schafft einen geschützten Rahmen, in dem auch schwierige Themen
besprechbar werden,
- vermittelt konkrete Kommunikations- und
Konfliktwerkzeuge,
- und unterstützt das Paar dabei, emotionale Nähe und Vertrauen wieder
aufzubauen.
Wichtig zu wissen: Paartherapie ist ergebnisoffen.
Ein seriöser Therapeut verfolgt nicht das Ziel, die Beziehung „um jeden
Preis zu retten” — sondern beiden Partnern zu mehr Klarheit zu
verhelfen. In den allermeisten Fällen ist das erklärte Ziel der Paare
aber, die Beziehung zu verbessern, und genau dabei ist die Erfolgsquote
gut (mehr dazu im Abschnitt zur
Wirksamkeit).
Paartherapie,
Paarberatung, Eheberatung — was ist der Unterschied?
Die Begriffe werden im Alltag oft synonym verwendet, unterscheiden
sich aber in Tiefe, Dauer und Setting: Eine
Paarberatung ist meist kürzer und stärker auf ein
konkretes, aktuelles Problem fokussiert, während eine
Paartherapie tiefer an wiederkehrenden Mustern und
deren Hintergründen arbeitet. Für die Entscheidung, welches Format zu
Ihrer Situation passt, haben wir einen eigenen ausführlichen Vergleich
geschrieben: Paarberatung
vs. Paartherapie: Der Unterschied einfach erklärt.
Ein wichtiger Hinweis zum
Berufstitel
In Deutschland ist die Bezeichnung „Paartherapeut” nicht
gesetzlich geschützt — anders als etwa „Psychotherapeut”, der
eine staatlich geregelte Ausbildung und Approbation voraussetzt. Das
heißt: Grundsätzlich darf sich jeder „Paartherapeut” nennen. Für Sie als
Paar bedeutet das, dass Sie bei der Auswahl auf die tatsächliche
Qualifikation achten sollten — dazu weiter unten ein
eigener Abschnitt.
Wann ist
Paartherapie sinnvoll? 8 typische Anzeichen
Es gibt keinen „offiziellen” Schwellenwert, ab dem eine Paartherapie
angezeigt ist. Aber es gibt Warnsignale, die in der Paarforschung immer
wieder als Prädiktoren für eine ernsthafte Krise identifiziert wurden.
Der amerikanische Paarforscher John Gottman konnte in Langzeitstudien
zeigen, dass sich aus der Art, wie Paare miteinander
streiten, mit hoher Treffsicherheit vorhersagen lässt, ob eine Beziehung
langfristig hält [3].
Paartherapie ist typischerweise dann sinnvoll, wenn mehrere dieser
Punkte auf Sie zutreffen:
- Die gleichen Streits wiederholen sich — es geht
scheinbar um den Abwasch oder die Schwiegereltern, aber eigentlich immer
um dasselbe darunterliegende Thema.
- Kritik ist zu Verachtung geworden. Augenrollen,
Sarkasmus, Abwertung — in Gottmans Forschung das stärkste einzelne
Warnsignal für eine Trennung [3].
- Einer (oder beide) macht dicht. Gespräche enden im
Rückzug oder Mauern; wichtige Themen werden gar nicht mehr
angesprochen.
- Die emotionale und/oder körperliche Nähe ist
eingeschlafen — Sie leben eher wie Mitbewohner als wie ein
Paar.
- Vertrauen ist beschädigt — durch Enttäuschungen,
gebrochene Absprachen oder Geheimnisse.
- Ein einschneidendes Ereignis (Geburt eines Kindes,
Jobverlust, Umzug, Pflegesituation) hat die Balance der Beziehung
verschoben.
- Trennungsgedanken stehen im Raum — bei einem oder
beiden Partnern, ausgesprochen oder unausgesprochen.
- Sie möchten es alleine lösen, kommen aber seit Monaten nicht
weiter.
Ein Punkt verdient besondere Betonung: Je früher, desto
besser. Eine vielzitierte Untersuchung von Notarius und
Buongiorno kam zu dem Ergebnis, dass unglückliche Paare im Durchschnitt
etwa sechs Jahre warten, bevor sie sich professionelle Hilfe suchen [2].
Sechs Jahre, in denen sich Verletzungen ansammeln und Muster verhärten.
Paartherapie ist kein letzter Ausweg für hoffnungslose Fälle — sie wirkt
am besten, solange noch Substanz da ist.
Übrigens: Sie müssen nicht „in der Krise” sein, um
von Paartherapie zu profitieren. Viele Paare nutzen sie präventiv — etwa
vor der Hochzeit, vor der Familiengründung oder in Übergangsphasen.
Wie läuft eine
Paartherapie ab? Die 4 Phasen
Die größte Hürde vor der ersten Sitzung ist oft die Ungewissheit:
Was passiert da eigentlich? Muss ich mich rechtfertigen? Wird der
Therapeut Partei ergreifen? Deshalb hier der typische Ablauf — er
variiert je nach Methode und Therapeut im Detail, folgt aber fast immer
dieser Grundstruktur.
Phase
1: Das Erstgespräch — Kennenlernen und Auftragsklärung
Die erste Sitzung dient dem gegenseitigen Kennenlernen. Der Therapeut
verschafft sich ein Bild von Ihrer Situation: Was führt Sie her? Wie
lange gibt es die Probleme schon? Was haben Sie bereits versucht? Und —
ganz wichtig — was wollen Sie erreichen?
Typische Elemente des Erstgesprächs:
- Beide Partner schildern ihre Sicht (der Therapeut achtet auf
ausgewogene Redeanteile),
- Klärung der Rahmenbedingungen: Frequenz, Dauer, Kosten,
Vertraulichkeit,
- erste Einschätzung des Therapeuten, ob und wie er Ihnen helfen
kann.
Das Erstgespräch ist auch Ihr Prüftermin: Fühlen
sich beide Partner verstanden und fair behandelt? Die Forschung zur
Psychotherapie zeigt durchgängig, dass die Qualität der Arbeitsbeziehung
zwischen Klienten und Therapeut ein zentraler Wirkfaktor ist [1]. Wenn
die Chemie nach zwei, drei Sitzungen nicht stimmt, ist ein
Therapeutenwechsel kein Scheitern, sondern Qualitätssicherung.
Phase 2:
Verstehen — die Muster hinter dem Streit
In den folgenden Sitzungen geht es darum, die
Dynamik Ihrer Konflikte zu verstehen. Die meisten Paare
streiten nicht über das, worüber sie zu streiten glauben. Hinter „Du
räumst nie die Spülmaschine aus” steht häufig „Ich fühle mich mit allem
alleingelassen” — und dahinter wiederum ein Bedürfnis nach Wertschätzung
oder Verlässlichkeit.
Je nach Methode arbeitet der Therapeut hier unterschiedlich: Manche
analysieren konkrete Streitsituationen der letzten Woche, andere schauen
auf Ihre Beziehungsgeschichte oder auf Prägungen aus der
Herkunftsfamilie. Gemeinsam ist allen Ansätzen: Aus „Du bist das
Problem” wird schrittweise „Das Muster ist das Problem
— und wir beide halten es gemeinsam am Laufen.”
Phase 3:
Verändern — neue Erfahrungen statt alter Reflexe
Verstehen allein verändert noch keine Beziehung. Der Kern der
Arbeitsphase besteht darin, im geschützten Rahmen neue
Erfahrungen miteinander zu machen: anders zuzuhören,
Verletzlichkeit zu zeigen statt anzugreifen, Bedürfnisse auszusprechen
statt Vorwürfe zu machen.
Dazu gehören je nach Ansatz:
- Strukturierte Paargespräche in der Sitzung, bei
denen der Therapeut moderiert und eingreift, bevor alte
Eskalationsmuster übernehmen,
- konkrete Kommunikationsübungen (z. B.
Sprecher-Zuhörer-Techniken),
- Übungen für zu Hause — von festen Paarzeiten bis zu
kleinen Verhaltensexperimenten,
- Arbeit an emotionaler Nähe und Bindung, nicht nur
an Konflikttechnik.
Diese Phase ist der längste Teil der Therapie. Rechnen Sie damit,
dass es zwischendurch auch anstrengend wird — es ist normal, dass Themen
an die Oberfläche kommen, die lange unter dem Teppich lagen. Ein guter
Therapeut sorgt dafür, dass das dosiert und sicher geschieht.
Phase 4:
Abschluss — Stabilisieren und Verabschieden
Gegen Ende werden die Sitzungsabstände meist größer. Sie prüfen
gemeinsam mit dem Therapeuten: Was hat sich verändert? Welche Werkzeuge
funktionieren für uns? Was ist unser Plan für die nächste Krise — denn
Krisen wird es weiterhin geben, nur der Umgang damit ist jetzt ein
anderer. Manche Paare vereinbaren „Auffrischungstermine” nach einigen
Monaten.
Dauer und
Frequenz: Womit sollten Sie rechnen?
| Rahmen |
Typische Praxis |
| Sitzungsdauer |
60–120 Minuten (Paarsitzungen sind oft länger als
Einzelsitzungen) |
| Frequenz |
alle 1–3 Wochen |
| Gesamtdauer |
sehr unterschiedlich: von ca. 5–10 Sitzungen bei fokussierten
Anliegen bis zu 20+ Sitzungen bei tiefgreifenden Krisen |
Seriöse Therapeuten legen mit Ihnen zu Beginn einen Rahmen fest und
überprüfen regelmäßig, ob die Therapie noch auf das vereinbarte Ziel
einzahlt.
Die
wichtigsten Methoden der Paartherapie im Überblick
„Die eine” Paartherapie gibt es nicht — hinter dem Begriff stehen
verschiedene wissenschaftlich untersuchte Schulen. Die gute Nachricht:
Sie müssen sich nicht perfekt auskennen, um zu starten. Aber ein
Grundverständnis hilft bei der Therapeutenwahl.
Emotionsfokussierte
Paartherapie (EFT)
Die von Sue Johnson und Les Greenberg entwickelte EFT gilt als eine der am besten
untersuchten Methoden. Sie basiert auf der Bindungstheorie: Hinter
destruktiven Streitmustern stehen demnach verletzte Bindungsbedürfnisse
— die Angst, dem Partner nicht mehr wichtig zu sein. EFT arbeitet daran,
den negativen Kreislauf (z. B. „einer fordert, einer zieht sich zurück”)
zu erkennen und durch neue, emotional sichere Interaktionen zu ersetzen.
Eine Meta-Analyse ergab, dass rund 70–73 % der Paare sich durch
EFT von ihrer Beziehungskrise erholten und etwa 90 % sich
signifikant verbesserten [4].
Die Gottman-Methode
John und Julie Gottman haben aus jahrzehntelanger
Beobachtungsforschung mit tausenden Paaren ein strukturiertes
Therapiemodell entwickelt („Sound Relationship House”).
Charakteristisch: eine ausführliche Eingangsdiagnostik und sehr konkrete
Werkzeuge — etwa der sanfte Gesprächseinstieg statt Vorwurf,
Reparaturversuche im Streit und der bewusste Aufbau von Wertschätzung im
Alltag. Grundlage sind u. a. die Langzeitstudien, mit denen Gottman und
Levenson Trennungsverläufe über 14 Jahre vorhersagen konnten [3].
Systemische Paartherapie
Der in Deutschland weit verbreitete systemische Ansatz betrachtet die
Beziehung als System, in dem jedes Verhalten eine Funktion hat: Ein
„Problemverhalten” des einen ist oft eine Antwort auf ein Muster, an dem
beide beteiligt sind. Typische Werkzeuge sind zirkuläre Fragen („Was
glauben Sie, wie Ihre Partnerin diese Situation erlebt?“),
Perspektivwechsel und Reframing. Die Systemische Therapie ist in
Deutschland als Psychotherapieverfahren wissenschaftlich anerkannt (Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie, 2008).
Verhaltenstherapeutisch
orientierte Paartherapie
Klassische verhaltenstherapeutische Ansätze (und ihre
Weiterentwicklung, die Integrative Behaviorale Paartherapie, IBCT)
setzen an konkretem Verhalten an: Kommunikationstraining,
Problemlösetraining, Aufbau positiver gemeinsamer Aktivitäten — ergänzt
um Akzeptanzarbeit für die Unterschiede, die sich nicht wegtrainieren
lassen. Für die verhaltenstherapeutische Paartherapie liegt mit die
stärkste Wirksamkeitsevidenz vor [5].
Welche Methode ist die richtige? Die ehrliche
Antwort: Die Passung zwischen Ihnen und dem Therapeuten ist wichtiger
als die Schule. Alle genannten Ansätze haben Wirksamkeitsbelege;
entscheidend ist, dass Sie sich beide sicher und fair behandelt
fühlen.
Wirkt Paartherapie?
Was die Forschung sagt
Die kurze Antwort: Ja, für die Mehrheit der Paare — messbar
und nachhaltig. Die etwas längere Antwort lohnt sich, weil sie
auch die Grenzen ehrlich benennt.
- Die umfassende Forschungsübersicht von Lebow und Kollegen kommt zu
dem Ergebnis, dass etwa 70 % der Paare in Paartherapie von der
Behandlung profitieren — die Therapie wirkt damit ähnlich gut
wie etablierte Einzelpsychotherapien [1].
- Eine Meta-Analyse randomisierter Studien zur
verhaltenstherapeutischen Paartherapie ermittelte eine mittlere Effektstärke (d ≈ 0,59) gegenüber unbehandelten Kontrollgruppen
[5].
- Für die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) zeigen Meta-Analysen
Erholungsraten von rund 70–73 % [4].
- Auch unter Alltagsbedingungen — also nicht nur in kontrollierten
Studien, sondern in realen Praxen und Beratungsstellen — bestätigen
Untersuchungen deutliche Verbesserungen der Beziehungsqualität; das gilt
auch für Studien aus Deutschland [6] [7].
Ehrlichkeit gehört dazu:
die Grenzen
- Paartherapie ist keine Garantie. Ein Teil der Paare
profitiert nicht oder trennt sich dennoch — was in manchen Fällen auch
ein geklärtes, faires Ende bedeuten kann und von den Betroffenen
rückblickend als hilfreich bewertet wird.
- Beide müssen zumindest bereit sein, sich
einzulassen. Die Motivation darf unterschiedlich groß sein (das
ist sie fast immer) — aber gegen den erklärten Widerstand eines Partners
kann keine Therapie arbeiten.
- Rückfälle sind normal. Ein Teil der Verbesserungen
verblasst ohne Pflege wieder. Gute Therapien bauen deshalb
Rückfallprophylaxe ein.
Für die Einordnung wichtig: Diese Erfolgsquoten beziehen sich auf
Paare, die den Schritt tatsächlich gegangen sind. Das größte Risiko ist
statistisch gesehen nicht die „falsche” Therapie — sondern die Jahre des
Wartens davor [2].
Die
richtige Paartherapeutin finden: Worauf Sie achten sollten
Weil „Paartherapeut” kein geschützter Titel ist, lohnt ein prüfender
Blick. Diese Kriterien helfen:
- Fundierte Ausbildung: z. B. approbierte
Psychotherapeuten mit paartherapeutischer Weiterbildung, Psychologen,
oder Berater mit anerkannter mehrjähriger Weiterbildung (etwa in
systemischer Therapie/Beratung oder EFT mit zertifizierter
Ausbildung).
- Erfahrung spezifisch mit Paaren: Paararbeit ist ein
eigenes Handwerk — fragen Sie ruhig direkt, wie viel des Praxisalltags
aus Paaren besteht.
- Transparenz: Klare Auskunft zu Methode, Kosten,
erwartbarer Dauer schon im Erstkontakt.
- Allparteilichkeit: Ein professioneller
Paartherapeut ergreift nicht Partei, sondern ist „Anwalt der Beziehung”.
Wenn sich einer von Ihnen dauerhaft vorgeführt fühlt, sprechen Sie es an
— oder wechseln Sie.
- Kein Druck, keine Heilsversprechen: Seriöse
Anbieter versprechen keine Rettungsquoten.
Wo Sie suchen können: über die Therapeutensuche der
Psychotherapeutenkammern, Verzeichnisse der Fachverbände (z. B.
Systemische Gesellschaft, DGSF, EFT-Verzeichnisse), kommunale und
kirchliche Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen
(z. B. pro familia, Caritas, Diakonie) — oder über Online-Angebote (dazu
gleich mehr).
Was Sie über die Kosten
wissen sollten
Nur so viel an dieser Stelle: Paartherapie ist in Deutschland in
aller Regel eine Selbstzahlerleistung — die
gesetzlichen Krankenkassen übernehmen sie nicht, da eine Beziehungskrise
keine Krankheitsdiagnose ist. Übliche Honorare liegen je nach Region und
Qualifikation grob zwischen 80 und 180 Euro pro Sitzung. Eine
kostengünstige Alternative sind die erwähnten
Beratungsstellen, die oft einkommensabhängige Gebühren
oder Beiträge auf Spendenbasis anbieten; für Familien mit Kindern
besteht nach § 17 SGB VIII sogar ein gesetzlicher Anspruch auf Beratung
in Partnerschaftsfragen über die Jugendhilfe.
Online-Paartherapie:
Für wen sie sich eignet
Paartherapie muss heute nicht mehr zwingend in einer Praxis
stattfinden. Es gibt zwei Online-Formate:
- Videositzungen mit einem Therapeuten — inhaltlich
weitgehend identisch mit Präsenztherapie, nur ortsunabhängig.
- Strukturierte Online-Programme, die Paare
eigenständig (teils mit Begleitung) durcharbeiten.
Beide Wege sind wissenschaftlich untersucht: Eine randomisierte
kontrollierte Studie zum webbasierten Paarprogramm „OurRelationship”
zeigte signifikante Verbesserungen der Beziehungszufriedenheit — mit
Effekten in ähnlicher Größenordnung wie bei Präsenz-Paartherapie
[8].
Online-Formate eignen sich besonders, wenn Sie auf dem Land wohnen,
Kinderbetreuung die Terminfindung erschwert, die Hemmschwelle für eine
Praxis (noch) zu hoch ist — oder Sie erst einmal niedrigschwellig
starten möchten. Ein deutschsprachiges Online-Selbstlernprogramm ist etwa PaarBalance. Grenzen
haben Selbstlern-Programme dort, wo Konflikte stark eskalieren — dann
ist die persönliche therapeutische Begleitung der sicherere Rahmen.
„Aber…” — die
häufigsten Einwände, ehrlich beantwortet
„Der Therapeut wird sich auf eine Seite schlagen.”
Allparteilichkeit ist Kernhandwerk der Paartherapie. Es wird Sitzungen
geben, in denen einer von Ihnen mehr „dran” ist — über den Verlauf
gleicht sich das aus. Wenn nicht: ansprechen.
„Reden bringt doch nichts, wir reden ja ständig.”
Sie reden — aber vermutlich in denselben Schleifen, mit denselben
Reflexen. Therapie ist kein „mehr Reden”, sondern
anders reden: mit Moderation, Struktur und
Unterbrechung der Eskalationsmuster, bevor sie greifen.
„Mein Partner will nicht mitkommen.” Häufiger Fall,
kein K.-o.-Kriterium. Optionen: ein unverbindliches Erstgespräch
vorschlagen (eine Sitzung, danach entscheidet jeder neu), ein
Online-Format als niedrigschwelligen Einstieg nutzen — oder zunächst
allein eine Beratung beginnen. Auch wenn nur einer anfängt, verändert
das oft schon die Dynamik zu zweit.
„Wenn wir Therapie brauchen, ist es doch eh vorbei.”
Die Daten sagen das Gegenteil: Die meisten Paare kommen zu spät, nicht
zu früh [2]. Paartherapie ist Beziehungspflege — so wie ein Warnleuchten
im Auto kein Grund ist, das Auto abzuschreiben.
Was
Sie heute schon tun können — noch vor der ersten Sitzung
Sie müssen nicht warten, bis ein Termin steht. Drei Dinge, die sich
sofort lohnen:
- Bestandsaufnahme machen. Wo genau hakt es —
Kommunikation, Nähe, Vertrauen, Alltagslast, Zukunftsbilder? Je klarer
Ihr Bild, desto gezielter der Start in jede Beratung oder Therapie. Eine
strukturierte Standortbestimmung bietet der kostenlose PaarBalance-Beziehungstest,
der Ihre Beziehung in mehreren Lebensbereichen auswertet.
- Einen guten Moment für das Gespräch wählen. Wenn
Sie Ihrem Partner Paartherapie vorschlagen möchten: nicht im Streit,
sondern in einer ruhigen Minute — und als Einladung formuliert („Unsere
Beziehung ist mir wichtig, ich möchte, dass es uns wieder besser geht”)
statt als Diagnose („Wir brauchen Therapie, so wie du dich
verhältst”).
- Kleine Muster-Unterbrechung üben. Ein einziger
Anfang: Beim nächsten aufkommenden Streit bewusst mit einer
Ich-Botschaft und einem konkreten Wunsch starten statt mit einem
Vorwurf. Das ersetzt keine Therapie — aber es zeigt Ihnen beiden, dass
Veränderung möglich ist.
Häufige Fragen zur
Paartherapie (FAQ)
Was ist Paartherapie genau?
Paartherapie ist die professionell begleitete Arbeit an einer Paarbeziehung. Im Zentrum stehen nicht die einzelnen Partner, sondern ihre Beziehungsmuster: Kommunikation, Konfliktdynamik und emotionale Verbindung. Ziel ist, destruktive Muster zu erkennen und durch neue, konstruktive Erfahrungen zu ersetzen.
Wie läuft eine Paartherapie ab?
Typisch sind vier Phasen: Erstgespräch mit Zielklärung, Verstehen der Konfliktmuster, Veränderungsarbeit mit konkreten Übungen (in der Sitzung und zu Hause) und eine Abschlussphase mit größeren Sitzungsabständen. Sitzungen dauern meist 60–120 Minuten und finden alle ein bis drei Wochen statt.
Wie lange dauert eine Paartherapie?
Das hängt vom Anliegen ab: Fokussierte Themen lassen sich oft in 5–10 Sitzungen bearbeiten, tiefgreifende Krisen brauchen 15–20 Sitzungen oder mehr. Über die Frequenz von 1–3 Wochen ergibt sich meist ein Zeitraum von einigen Monaten bis etwa einem Jahr.
Wann ist eine Paartherapie sinnvoll?
Wenn sich Konflikte wiederholen, ohne dass Sie allein weiterkommen, wenn Verachtung, Rückzug oder Sprachlosigkeit zunehmen, Vertrauen beschädigt ist oder Trennungsgedanken im Raum stehen. Als Faustregel gilt: lieber zu früh als zu spät — Paare warten im Schnitt mehrere Jahre zu lange [2].
Hilft Paartherapie wirklich?
Ja, bei der Mehrheit der Paare: Rund 70 % profitieren nachweislich, für einzelne Methoden wie die Emotionsfokussierte Therapie zeigen Meta-Analysen Erholungsraten von 70–73 % [1] [4]. Eine Garantie gibt es nicht — Voraussetzung ist die Bereitschaft beider Partner, sich einzulassen.
Zahlt die Krankenkasse eine Paartherapie?
In der Regel nein: Paartherapie gilt nicht als Heilbehandlung und ist eine Selbstzahlerleistung. Kostengünstige Alternativen sind kommunale und kirchliche Beratungsstellen mit einkommensabhängigen Gebühren; Eltern haben über § 17 SGB VIII Anspruch auf Partnerschaftsberatung im Rahmen der Jugendhilfe.
Fazit: Der
Schritt ist kleiner, als er sich anfühlt
Eine Paartherapie zu beginnen fühlt sich groß an — nach
Eingeständnis, nach Risiko, nach „jetzt ist es offiziell”. In
Wirklichkeit ist es vor allem eines: die Entscheidung, die eigene
Beziehung nicht dem Autopiloten zu überlassen. Die Forschung ist an
dieser Stelle unmissverständlich — die meisten Paare profitieren, und
der teuerste Fehler ist nicht der falsche Therapeut, sondern das
jahrelange Abwarten.
Wenn Sie unsicher sind, wo Ihre Beziehung steht: Beginnen Sie mit
einer ehrlichen Bestandsaufnahme, sprechen Sie mit Ihrem Partner in
einem ruhigen Moment — und holen Sie sich Unterstützung, solange Sie
beide noch etwas zu verteidigen haben.
Quellen
- Lebow, J. L., Chambers, A. L., Christensen, A., & Johnson, S. M.
(2012). Research on the treatment of couple distress. Journal of
Marital and Family Therapy, 38(1), 145–168.
- Notarius, C., & Buongiorno, J. (1992). Wait time until
professional treatment in marital therapy. Unveröffentlichte
Studie, Catholic University of America — vielzitiert u. a. durch das
Gottman Institute (durchschnittlich ca. 6 Jahre Wartezeit).
- Gottman, J. M., & Levenson, R. W. (2000). The timing of divorce:
Predicting when a couple will divorce over a 14-year period. Journal
of Marriage and Family, 62(3), 737–745.
- Johnson, S. M., Hunsley, J., Greenberg, L., & Schindler, D.
(1999). Emotionally focused couples therapy: Status and challenges.
Clinical Psychology: Science and Practice, 6(1), 67–79.
- Shadish, W. R., & Baldwin, S. A. (2005). Effects of behavioral
marital therapy: A meta-analysis of randomized controlled trials.
Journal of Consulting and Clinical Psychology, 73(1),
6–14.
- Hahlweg, K., & Klann, N. (1997). The effectiveness of marital
counseling in Germany: A contribution to health services research.
Journal of Family Psychology, 11(4), 410–421.
- Roesler, C. (2020). Effectiveness of couple therapy in practice
settings and identification of potential predictors for different
outcomes. Journal of Marital and Family Therapy, 46(3),
510–529.
- Doss, B. D., Cicila, L. N., Georgia, E. J., Roddy, M. K., Nowlan, K.
M., Benson, L. A., & Christensen, A. (2016). A randomized controlled
trial of the web-based OurRelationship program: Effects on relationship
and individual functioning. Journal of Consulting and Clinical
Psychology, 84(4), 285–296.
Dieser Artikel ersetzt keine professionelle Beratung oder
Therapie.
Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, erreichen Sie die
Telefonseelsorge kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 111 0
111 oder 0800 111 0 222.